Gesund aufwachsen: Warum Jugendliche dritte Räume für ihre Entwicklung brauchen

Jugendliche brauchen Orte, an denen sie weder Kind im Elternhaus noch Schüler in einer Institution sind. Solche „dritten Räume“ können Jugendtreffs, Parks, Skateanlagen, Bibliotheken oder selbst gewählte Plätze im Quartier sein.

Dort treffen junge Menschen Freunde, erproben neue Rollen und gestalten einen Teil ihres Lebens eigenständig. Für ihre Entwicklung sind diese Freiräume weit mehr als blosse Treffpunkte.

Zwischen Kinderzimmer und Klassenzimmer fehlt ein eigener Ort

Der Alltag Jugendlicher spielt sich zu einem grossen Teil in vorgegebenen Strukturen ab. Zuhause gelten die Regeln der Familie. In der Schule, Berufsschule oder Ausbildung bestimmen Stundenpläne, Leistungsanforderungen und institutionelle Vorgaben den Tagesablauf. Auch organisierte Freizeitangebote folgen meist festen Zeiten und Zielen.

Damit bleiben nur wenige Räume, die Jugendliche selbst wählen und mitgestalten können. Genau hier setzt die Idee des dritten Raums an. Gemeint ist ein Ort ausserhalb von Zuhause und Schule, an dem junge Menschen Zeit verbringen können, ohne ständig eine bestimmte Rolle erfüllen zu müssen.

Ein solcher Raum muss kein eigenes Gebäude sein. Er kann eine Parkbank, ein Jugendhaus, ein Sportplatz, eine Bibliothek, ein Schulhof ausserhalb der Unterrichtszeit oder ein geschützter Bereich in einem Einkaufszentrum sein. Entscheidend ist weniger die bauliche Form als die Möglichkeit, sich dort willkommen und handlungsfähig zu fühlen.

Jugendliche wollen an diesen Orten reden, Musik hören, gemeinsam essen, Sport treiben, Pläne schmieden oder einfach zusammensitzen. Aus der Perspektive Erwachsener sieht das mitunter nach „Herumhängen“ aus. Für Jugendliche kann genau dieses scheinbar zweckfreie Zusammensein einen wichtigen Teil ihrer Entwicklung darstellen.

Was mit dem „dritten Raum“ gemeint ist

In der Soziologie ist häufiger vom „Dritten Ort“ die Rede. Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg beschrieb damit gemeinschaftliche Orte neben dem Zuhause als erstem Ort und der Arbeitswelt als zweitem Ort. Dritte Orte sollten leicht zugänglich sein, Begegnungen ermöglichen und keine besonderen Zugangshürden errichten.

Auf Jugendliche lässt sich dieses Konzept nur teilweise übertragen. Ihre Lebenswelt unterscheidet sich von derjenigen berufstätiger Erwachsener. An die Stelle der Arbeitswelt tritt meist die Schule oder Ausbildung. Zudem verfügen Jugendliche in der Regel über weniger Geld, eingeschränkte Mobilität und weniger Möglichkeiten, eigene Räume zu mieten.

Die deutschsprachige Jugendforschung verwendet deshalb häufig Begriffe wie Freiraum, Sozialraum oder Aneignungsraum. Mit Aneignung ist gemeint, dass Jugendliche einen vorhandenen Ort auf ihre Weise nutzen, ihm eine eigene Bedeutung geben und ihn damit zeitweise zu „ihrem“ Raum machen.

Eine Treppe wird zum Treffpunkt, eine Mauer zur Sitzgelegenheit und ein leerer Platz zur Bühne für Tanz, Musik oder sportliche Aktivitäten. Der Ort war vielleicht nie ausdrücklich für Jugendliche vorgesehen. Durch ihre Nutzung erhält er jedoch eine neue Funktion.

Jugendliche müssen Selbstständigkeit praktisch erproben

Die Jugendzeit ist von weitreichenden Veränderungen geprägt. Junge Menschen lösen sich schrittweise vom Elternhaus, entwickeln eigene Wertvorstellungen und müssen ihre Position in der Gesellschaft finden.

Der von einer unabhängigen Sachverständigenkommission erarbeitete 15. Kinder- und Jugendbericht der deutschen Bundesregierung beschreibt drei zentrale Herausforderungen dieser Lebensphase: Qualifizierung, Verselbstständigung und Selbstpositionierung.

Jugendliche sollen Wissen und Fähigkeiten erwerben, zunehmend Verantwortung für sich übernehmen und eine Balance zwischen persönlicher Freiheit und sozialer Zugehörigkeit finden. Diese Entwicklung kann nicht allein durch Gespräche oder Unterricht vermittelt werden. Sie braucht praktische Erfahrungen.

Ein dritter Raum bietet dafür einen überschaubaren Rahmen. Jugendliche entscheiden, wann sie kommen, mit wem sie Zeit verbringen und wie sie sich innerhalb einer Gruppe verhalten. Sie treffen Absprachen, lösen Konflikte, übernehmen Aufgaben und erleben die Folgen ihrer Entscheidungen.

Eltern müssen dabei nicht vollständig aus dem Leben ihrer Kinder verschwinden. Jugendliche brauchen weiterhin verlässliche Erwachsene. Gleichzeitig benötigen sie Situationen, in denen nicht jeder Schritt beobachtet, bewertet oder korrigiert wird.

Freundschaften werden zu einem wichtigen Bezugspunkt

Mit Beginn der Pubertät gewinnen Beziehungen zu Gleichaltrigen an Bedeutung. Freunde können die Familie nicht ersetzen. Sie erfüllen jedoch andere Aufgaben. Unter Gleichaltrigen werden Erfahrungen aus einer ähnlichen Lebensphase geteilt. Jugendliche sprechen über Schule, Beziehungen, Zukunftspläne, Konflikte, Ängste und gesellschaftliche Fragen.

Das Deutsche Jugendinstitut betont den hohen Stellenwert von Peerbeziehungen für die Entwicklung und Sozialisation junger Menschen. Freundschaften können vor Einsamkeit schützen, Orientierung geben und bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben unterstützen.

Damit solche Beziehungen entstehen und wachsen können, brauchen Jugendliche gemeinsame Zeit. Ein kurzer Austausch während der Schulpause reicht dafür oft nicht aus. Auch organisierte Freizeitangebote lassen wenig Raum für vertrauliche Gespräche oder spontane Gruppenprozesse.

Dritte Räume ermöglichen Begegnungen ohne festgelegtes Programm. Jugendliche dürfen kommen und gehen, beobachten, sich beteiligen oder sich zeitweise zurückziehen. Auf diese Weise entstehen Zugehörigkeit und gemeinsame Erinnerungen.

Auch „Herumhängen“ kann informelles Lernen sein

Lernen findet nicht ausschliesslich in der Schule statt. Jugendliche erwerben viele soziale und praktische Fähigkeiten in Situationen, die von Erwachsenen kaum als Bildung wahrgenommen werden.

Sie lernen beispielsweise:

  • Absprachen zu treffen: Eine Gruppe muss klären, wo sie sich trifft, wer etwas mitbringt und wie lange sie bleibt.
  • Konflikte auszuhandeln: Unterschiedliche Interessen und Grenzen müssen berücksichtigt werden.
  • Verantwortung zu übernehmen: Jugendliche achten aufeinander, helfen Freunden oder organisieren gemeinsame Vorhaben.
  • Neue Rollen zu erproben: Ein stiller Schüler kann in seiner Freizeit zum kreativen Ideengeber oder geschätzten Ansprechpartner werden.
  • Mit Freiheit umzugehen: Eigenständigkeit umfasst Entscheidungen sowie den Umgang mit deren Folgen.
  • Verschiedenheit kennenzulernen: Öffentliche Räume bringen Menschen mit unterschiedlichen Lebensweisen und Hintergründen zusammen.
  • Bedürfnisse zu vertreten: Jugendliche erfahren, dass ihre Interessen im Gemeinwesen einen Platz haben dürfen.

Solche Erfahrungen lassen sich kaum vollständig planen. Sie entstehen gerade deshalb, weil ein Raum nicht bis ins Detail pädagogisch gestaltet ist.


Skateanlagen sind Bewegungsorte, Treffpunkte und soziale Räume zugleich.

Öffentliche Räume vermitteln gesellschaftliche Zugehörigkeit

Jugendliche werden im öffentlichen Raum häufig vor allem dann wahrgenommen, wenn sie laut sind, Abfall hinterlassen oder anderen Menschen unbequem erscheinen. Ihr gewöhnlicher Aufenthalt gilt dagegen selten als Ausdruck legitimer Teilhabe.

Das Deutsche Jugendinstitut verweist darauf, dass öffentliche Freiräume eng mit Kinderrechten verbunden sind. Dazu zählen das Recht auf Freizeit und Erholung, die Versammlungsfreiheit und die Beteiligung an Angelegenheiten, die junge Menschen betreffen.

Öffentliche Plätze sind deshalb keine Kulisse, in der Jugendliche nur geduldet werden. Sie gehören zur Stadt- und Gemeindebevölkerung und haben ein berechtigtes Interesse daran, diese Räume zu nutzen.

Auch UNICEF Schweiz und Liechtenstein beschreibt öffentliche Räume als wichtige Bildungs- und Begegnungsorte. Jugendliche lernen dort ihre Umwelt kennen, begegnen anderen Generationen und sammeln Erfahrungen mit Freiheit, Grenzen, Sicherheit und Risiko.

Werden junge Menschen immer wieder von Plätzen vertrieben, erhalten sie eine problematische Botschaft: Ihr Aufenthalt ist nur erwünscht, solange er unsichtbar, leise oder mit Konsum verbunden ist.

Ein guter Treffpunkt darf nicht vom Geldbeutel abhängen

Viele kommerzielle Orte sind für Jugendliche nur eingeschränkt geeignet. Cafés, Kinos, Shoppingcenter und Freizeitanlagen setzen voraus, dass Besucher Geld ausgeben. Wer sich regelmässige Konsumangebote nicht leisten kann, wird ausgeschlossen oder gerät innerhalb der Freundesgruppe unter Druck.

Ein guter dritter Raum sollte deshalb kostenlos oder sehr günstig zugänglich sein. Jugendliche müssen sich dort aufhalten dürfen, ohne ständig etwas zu kaufen. Dieser Aspekt ist für Familien mit knappen finanziellen Mitteln besonders wichtig.

Auch die Erreichbarkeit entscheidet über die tatsächliche Zugänglichkeit. Ein Jugendzentrum am Ortsrand hilft wenig, wenn abends kein Bus fährt. Ein attraktiver Platz kann ebenfalls unerreichbar bleiben, wenn Jugendliche eine gefährliche Strasse überqueren müssen oder mit dem Velo keinen sicheren Weg dorthin finden.

Pro Juventute fordert, die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen verbindlich in die Gestaltung und Planung öffentlicher Räume einzubeziehen. Junge Menschen wissen selbst am besten, welche Orte sie nutzen, welche Wege problematisch sind und wo ihnen geeignete Aufenthaltsmöglichkeiten fehlen.

Wie ein guter dritter Raum aussehen sollte

Jugendliche haben unterschiedliche Interessen. Deshalb gibt es keinen Treffpunkt, der für alle gleich gut funktioniert. Dennoch lassen sich einige grundlegende Merkmale benennen:

  • Gut erreichbar: Der Ort ist zu Fuss, mit dem Velo oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln sicher erreichbar.
  • Ohne Konsumzwang: Der Aufenthalt hängt nicht davon ab, ob jemand Geld ausgeben kann.
  • Verlässlich verfügbar: Jugendliche wissen, wann und unter welchen Bedingungen sie den Raum nutzen dürfen.
  • Offen für Mitgestaltung: Ausstattung, Regeln und Angebote werden nicht ausschliesslich von Erwachsenen festgelegt.
  • Sicher, aber nicht vollständig überwacht: Hilfe ist bei Bedarf erreichbar, ohne dass jedes Gespräch kontrolliert wird.
  • Für verschiedene Bedürfnisse geeignet: Neben Aktivität braucht es Sitzgelegenheiten, Rückzugsmöglichkeiten und Schutz vor schlechtem Wetter.
  • Im Gemeinwesen verankert: Der Raum liegt nicht versteckt am Rand, nur damit Jugendliche aus dem Blickfeld verschwinden.

Jugendarbeit kann solche Orte begleiten. Fachpersonen vermitteln bei Konflikten, unterstützen Projekte und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Ein dritter Raum sollte dennoch nicht zu einem weiteren Klassenzimmer werden. Jugendliche brauchen echte Entscheidungsspielräume.

Digitale Räume ergänzen persönliche Treffpunkte

Freundschaften Jugendlicher spielen sich heute gleichzeitig online und offline ab. Messenger, soziale Netzwerke, Gaming-Plattformen und Gruppenchats ermöglichen Austausch unabhängig vom Aufenthaltsort. Für Jugendliche in ländlichen Regionen oder mit eingeschränkter Mobilität können digitale Räume besonders wichtig sein.

Online-Gemeinschaften können ebenfalls Eigenschaften eines dritten Raums annehmen. Jugendliche treffen Gleichgesinnte, tauschen Wissen aus und erproben Formen der Selbstdarstellung. Für manche junge Menschen bieten digitale Kontakte Zugang zu Gemeinschaften, die an ihrem Wohnort fehlen.

Digitale Räume ersetzen persönliche Treffpunkte jedoch nicht vollständig. Körperliche Anwesenheit, spontane Begegnungen und das gemeinsame Erleben eines Ortes schaffen andere Erfahrungen. Zudem unterliegen kommerzielle Plattformen ihren eigenen Regeln, Algorithmen und Geschäftsinteressen.

Sinnvoll ist deshalb keine Entscheidung zwischen online und offline. Jugendliche brauchen beides: sichere digitale Kommunikationsmöglichkeiten und reale Orte, an denen sie sich begegnen können.


Die Lebenswelt Jugendlicher verbindet persönliche Begegnungen mit digitaler Kommunikation.

Konflikte gehören zur gemeinsamen Nutzung

Wo verschiedene Generationen und Gruppen aufeinandertreffen, entstehen Konflikte. Jugendliche hören Musik, sprechen laut oder nehmen grössere Sitzbereiche in Anspruch. Andere Menschen wünschen sich Ruhe und Ordnung. Diese Interessen müssen ausgehandelt werden.

Verbote lösen den zugrunde liegenden Mangel an geeigneten Treffpunkten selten. Häufig verlagern sie die Gruppe lediglich an den nächsten Ort. Dort beginnt der Konflikt erneut.

Sinnvoller sind klare, nachvollziehbare Regeln und direkte Gespräche. Jugendliche sollten wissen, welche Grenzen gelten und warum. Ebenso müssen Erwachsene akzeptieren, dass öffentlicher Raum lebendig ist und nicht allein ihren Vorstellungen entsprechen kann.

Beteiligung erhöht die Chance, dass Regeln als fair wahrgenommen werden. Wer bei der Gestaltung eines Platzes oder Jugendtreffs mitentscheiden durfte, entwickelt eher Verantwortungsgefühl für diesen Ort.

Was Eltern tun können

Der Wunsch nach mehr Freiheit kann Eltern verunsichern. Sie möchten wissen, wo ihr Kind ist, mit wem es sich trifft und ob es sicher nach Hause kommt. Gleichzeitig kann ständige Kontrolle die Funktion eines dritten Raums beeinträchtigen.

Hilfreich sind altersgerechte Vereinbarungen:

  • Eltern und Jugendliche klären, wo der Treffpunkt liegt und wie der Heimweg organisiert ist.
  • Es wird eine verlässliche Zeit für die Rückkehr vereinbart.
  • Das Mobiltelefon bleibt erreichbar, ohne dass ständig Nachrichten erwartet werden.
  • Jugendliche melden sich, wenn sie den Ort wechseln oder deutlich später kommen.
  • Für Notfälle steht fest, wer angerufen werden kann.
  • Regeln werden mit zunehmender Zuverlässigkeit und Reife angepasst.
  • Eltern verzichten auf heimliche Kontrolle, solange kein konkreter Anlass zur Sorge besteht.

Vertrauen bedeutet nicht, Risiken zu ignorieren. Es bedeutet, Selbstständigkeit schrittweise zu ermöglichen und bei Problemen ansprechbar zu bleiben.

Video: Unerwünschte Jugendliche in Bern

Der schweizerdeutsche Archivbeitrag von SRF stammt aus dem Jahr 1979. Er zeigt Jugendliche in Bern, denen geeignete Treffpunkte fehlen. Deshalb halten sie sich in einem Selbstbedienungsrestaurant und in einer Bahnhofunterführung auf, wo sie wiederum als störend empfunden werden. Gerade das Alter des Beitrags macht deutlich, wie lange die Frage nach jugendgerechten Räumen bereits besteht.



Jugendliche brauchen Platz, bevor sie ihn einfordern müssen

Ein dritter Raum ist kein Luxus und keine Belohnung für angepasstes Verhalten. Er gehört zu den Bedingungen, unter denen junge Menschen Selbstständigkeit, Freundschaft und gesellschaftliche Teilhabe entwickeln können.

Dabei braucht es weder überall grosse Jugendzentren noch teure Neubauten. Gemeinden können vorhandene Orte öffnen, Schulhöfe ausserhalb der Unterrichtszeit zugänglich machen, Bibliotheken erweitern oder wettergeschützte Sitzbereiche schaffen. Entscheidend ist, Jugendliche von Beginn an einzubeziehen.

Junge Menschen brauchen Orte, an denen sie nichts kaufen, keine Leistung erbringen und nicht ständig unter Aufsicht stehen müssen. Dort dürfen sie reden, ausprobieren, scheitern und neu beginnen. Wer Jugendlichen solche Räume zugesteht, vermittelt ihnen eine wichtige Botschaft: Ihr gehört dazu, eure Bedürfnisse zählen und ihr dürft das gemeinsame Leben mitgestalten.

 

Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © BearFotos/Shutterstock.com; Bild 2: Symbolbild © Sviatlana Yankouskaya/Shutterstock.com; Bild 3: Symbolbild © Monkey Business Images/Shutterstock.com

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