Mobbing in der Schule: Wie es entsteht, woran Eltern es erkennen und was dagegen hilft
von belmedia Redaktion -schweizweit Allgemein Alltag Bildung Bildung & Arbeit Eltern Erziehung Experten Familie Familienleben Gesundheit Hochschule nachrichtenticker.ch News Prävention Regionen Schule Schweiz Sicherheit Themen Tipps Vital xund24.ch
Der kanadisch-amerikanische Soziologe Erving Goffman beschrieb in seinem 1963 erschienenen Werk „Stigma – Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität» etwas, das er in psychiatrischen Kliniken, auf Strassenmärkten und in Schulhöfen beobachtete: Wer von der Gruppe als „nicht normal» eingestuft wird, trägt dieses Urteil wie ein unsichtbares Brandmal. Was Goffman damals formulierte, beschreibt Mobbing in der Schule bis auf den Tag genau – und erklärt, warum es so schwer ist, aus dieser Dynamik wieder herauszukommen.
Goffman nannte es Stigma. Wir nennen es Mobbing. Der Mechanismus ist derselbe: Eine Gruppe entscheidet, wer dazugehört und wer nicht. Das Opfer wird nicht wegen einer einzelnen Tat ausgegrenzt, sondern wegen einer zugeschriebenen Eigenschaft – der Körpergrösse, dem Akzent, der Kleidung, der Herkunft oder einfach weil es zur falschen Zeit das Falsche gesagt hat. Und einmal abgestempelt, bleibt dieser Stempel kleben.
Was Goffman über Ausgrenzung wusste – und was das mit Schulhöfen zu tun hat
Goffman unterschied drei Arten von Stigmata: körperliche Merkmale, als falsch bewertete Charaktereigenschaften und stammesgeschichtliche Zugehörigkeiten. In der Schulrealität treffen alle drei aufeinander. Das Kind mit der Brille, das zu dick oder zu dünn ist. Das Kind, das aus einer anderen Kultur kommt. Das Kind, das keinen Witz versteht oder zu oft weint. Goffman beschrieb, wie das Gegenüber in dem Moment, in dem ein Stigma sichtbar wird, aufhört, als vollständiger Mensch wahrgenommen zu werden. Es wird auf dieses eine Merkmal reduziert – und genau das ist die Grundstruktur von Mobbing: Ein Kind hört auf, ein Individuum zu sein, und wird zum Zielobjekt.
Besonders aufschlussreich ist Goffmans Beobachtung zu den Bewältigungsstrategien: Wer ein Stigma trägt, das nicht sichtbar ist, versucht es zu verbergen. Wer es nicht verbergen kann, versucht, die Reaktionen der anderen zu managen. Beide Strategien kosten enorm viel Energie – Energie, die einem Kind tagtäglich fehlt, um zu lernen, zu spielen und zu wachsen.
Die Zahlen: Was Schweizer Studien zeigen
Die Schweiz hat in Europa einen traurigen Spitzenplatz. Laut dem PISA-Bericht 2022 berichten 19 Prozent der Schweizer Jugendlichen von Mobbingerfahrungen. In keinem anderen europäischen Land leiden so viele Kinder unter Mobbing – das belegen unter anderem Daten aus der täglichen Arbeit der Beratungsstellen von Pro Juventute. Laut der James-Studie 2024 der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften haben rund 30 Prozent der Jugendlichen bereits mindestens ein Element von Cybermobbing erlebt. Pro Juventute schätzt, dass heutzutage jedes Kind im Laufe der Schulzeit mindestens einmal mit Mobbing in Berührung kommt – als Opfer, als Täter oder als Zuschauer.
Was Mobbing ist – und was nicht
Das Wort Mobbing wird oft zu breit verwendet, was es schwieriger macht, echtes Mobbing zu erkennen und zu handeln. Fachlich gesehen braucht es fünf gleichzeitige Merkmale, damit von Mobbing gesprochen werden kann: Die Handlungen sind negativ und verletzend, sie wiederholen sich regelmässig, sie dauern über einen längeren Zeitraum an, das Opfer hat kaum Möglichkeit, sich aus eigener Kraft zu befreien, und es besteht ein Machtungleichgewicht zwischen dem Opfer und den Mobbenden. Ein einmaliger Streit oder ein gegenseitiger Konflikt ist kein Mobbing – er kann sich aber dazu entwickeln, wenn er nicht frühzeitig unterbrochen wird. Mobbing vergeht nicht von alleine – schon gar nicht bei Kindern und Jugendlichen.
Woran Eltern Mobbing erkennen
Kinder, die gemobbt werden, sprechen selten direkt darüber. Scham, Angst vor Verschlimmerung und die Hoffnung, dass es von selbst aufhört, halten sie davon ab. Eltern sollten hellhörig werden, wenn sich folgende Muster zeigen:
- Das Kind will nicht mehr in die Schule, erfindet körperliche Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen
- Es ist nach der Schule auffallend gereizt, traurig oder in sich gekehrt
- Schulsachen verschwinden, werden beschädigt oder sind plötzlich unauffindbar
- Das Kind hat kaum Kontakt zu Schulkollegen, keine festen Freundschaften
- Es vermeidet Gespräche über die Schule oder reagiert ausweichend
- Leistungseinbrüche treten ohne erkennbaren anderen Grund auf
Wichtig: Nicht alle Anzeichen deuten automatisch auf Mobbing hin. Aber mehrere dieser Signale gleichzeitig über eine längere Zeit sind ein Grund, nachzufragen – ruhig, geduldig, ohne sofort Schuldzuweisungen oder Lösungen zu präsentieren.
Was Eltern tun – und was sie lassen sollten
Wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind gemobbt wird, ist der erste Impuls oft, selbst zur Schule zu marschieren oder das betroffene Kind zu konfrontieren. Christelle Schläpfer, führende Schweizer Expertin im Bereich Mobbing und Cybermobbing, warnt ausdrücklich vor diesem Reflex. Wer als Elternteil das Täter-Kind direkt aufsucht, gibt ihm die globale Schuld für die Mobbingsituation. Das kann zur Folge haben, dass das Täter-Kind sich am Opfer rächt. Auch dem eigenen Kind zu sagen „Wehr dich doch!» hilft nicht – beim Mobbing besteht ein Machtungleichgewicht, das ein Zurückschlagen oder Zurückbeleidigen nicht auflöst, sondern verschärft. Was stattdessen hilft:
- Zuerst zuhören, ohne zu unterbrechen oder zu bewerten
- Nichts ohne das Einverständnis des Kindes unternehmen
- Die Lehrperson oder den Schulsozialarbeitenden frühzeitig informieren
- Dokumentation: Datum, Vorfall, Zeugen notieren
- Hartnäckig bleiben – einmal nachfragen reicht oft nicht
Video-Tipp: Was ist Mobbing? – SRF Kids erklärt
SRF Kids erklärt in diesem Kurzfilm klar und verständlich, was Mobbing ist, wie es entsteht und was man dagegen tun kann.
Mobbing ist ein Gruppenphänomen – und muss als solches gelöst werden
Mobbing ist in den meisten Fällen ein Gruppenphänomen und muss deshalb auch von der Schule in der Gruppe gelöst werden. Mitläufer und Zuschauer, die das Mobbing durch ihr Beitragen oder Nichtstun aufrechterhalten, müssen ebenfalls in die Lösung einbezogen werden. Das deckt sich mit Goffmans Erkenntnis: Das Stigma entsteht nicht im Einzelnen, sondern in der sozialen Interaktion zwischen dem Einzelnen und der Gruppe. Wer eine Mobbingsituation lösen will, kann deshalb nicht nur am Opfer oder am Täter ansetzen – er muss die Dynamik der ganzen Klasse verstehen und verändern. Genau das ist der Ansatz der Schweizer Initiative #standup von Pro Juventute und RADIX: Schulen führen gemeinsam mit dem gesamten Kollegium Massnahmen zur Prävention und Frühintervention ein. Lehrpersonen werden geschult, Schülerinnen und Schüler sensibilisiert, und es gibt eine digitale Meldeplattform, über die Kinder Mobbingfälle vertraulich melden können.
Was die Schule tun muss – und was Eltern einfordern dürfen
In der Schweiz haben alle Kinder laut Bundesverfassung und UNO-Kinderrechtskonvention ein Recht auf Bildung und einen sicheren Lernort. Die Schule hat einen Schutzauftrag: Sie muss dafür sorgen, dass Kinder vor Gewalt, systematischer Ausgrenzung und Erniedrigung geschützt werden. Lehrpersonen unterstehen einer Aufsichtspflicht. Konkret bedeutet das: Wenn Eltern Mobbing melden, muss die Schule die Situation abklären und reagieren. Die Antwort „Das müssen die Kinder unter sich lösen» ist pädagogisch und rechtlich nicht angemessen. Wer mit der Reaktion der Schule nicht einverstanden ist, kann sich – je nach Kanton – an den Schulpsychologischen Dienst, den Schulsozialarbeitenden oder das kantonale Volksschulamt wenden. Als erste vertrauliche Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche steht die Beratungshotline 147 von Pro Juventute zur Verfügung.
Fazit
Erving Goffman hatte recht: Die Mechanismen der Ausgrenzung sind uralt und tief in der menschlichen Sozialpsychologie verankert. Mobbing an der Schule ist kein „Kinderkram», der sich von selbst löst, und kein Problem von Einzelpersonen, das Eltern allein bewältigen müssen. Es ist ein Gruppenproblem, das frühzeitiges Handeln, konsequente Schulstrukturen und eine Gesellschaft braucht, die hinschaut. Es liegt an uns allen, das Schweigen zu brechen – nicht nur bei Jugendlichen, auch im Büroalltag und in der Nachbarschaft. Wer Mobbing duldet, hält es am Leben.
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