Asphaltieren bei Hitze: Fluch und Segen – was Strassenbauer wissen müssen

Wenn der frisch verlegte Belag dampft und die Luft darüber flirrt, ist für die Kolonne auf der Baustelle längst Hochsommer. Was für Autofahrende höchstens ein paar Minuten Umweg bedeutet, ist für die Crew ein Knochenjob in praller Hitze – und ausgerechnet der Moment, in dem das Material selbst am liebsten arbeitet.

Hohe Temperaturen sind im Strassenbau beides zugleich: ein technischer Vorteil beim Einbau und eine Belastung für Mensch und fertigen Belag. Wer versteht, warum das so ist, erkennt auch, weshalb sich auf Schweizer Baustellen in den letzten Jahren beim Hitzeschutz einiges verändert hat.

Warum Asphalt überhaupt heiss verarbeitet wird

Regulärer Asphalt – in der Fachsprache «Heissasphalt» genannt – wird normalerweise bei rund 160 Grad gemischt, transportiert und bei zirka 150 Grad verlegt. Diese hohen Verarbeitungstemperaturen sind nötig, damit sich das Bindemittel Bitumen flüssig genug verhält, um die Gesteinskörnung gleichmässig zu umhüllen. Eine umweltfreundlichere Alternative ist der sogenannte Warmasphalt, der nur auf 100 bis 140 Grad erhitzt wird. Laut Empa-Forschenden liessen sich damit Emissionen und die Belastung für die Arbeiter deutlich senken. In der Schweiz ist diese Technik aber noch wenig verbreitet, weil die bestehenden Mischanlagen auf das klassische Heissverfahren ausgelegt sind und ihre Brenner dafür umgerüstet werden müssten.

Der Segen: Sommerhitze als Verbündete beim Einbau

Für den eigentlichen Einbauprozess ist eine hohe Aussentemperatur ein klarer Vorteil. Kühlt der frisch verlegte Belag zu rasch ab, bleibt nicht genug Zeit, um ihn richtig zu verdichten – die Walzen kommen dann nicht mehr nach, bevor das Material zu fest geworden ist. Das Resultat sind Hohlräume im Belag, die seine Lebensdauer deutlich verkürzen können. Bei sommerlicher Witterung bleibt der Asphalt länger geschmeidig, lässt sich gleichmässiger verdichten und ergibt am Ende eine dichtere, haltbarere Fahrbahnoberfläche. Aus rein bautechnischer Sicht ist ein heisser Sommertag für die Qualität der Arbeit deshalb oft besser geeignet als ein kühler Herbsttag.


Eine Walze verdichtet den frisch verlegten Asphalt: Gelingt das bei zu tiefen Temperaturen nicht rechtzeitig, entstehen Hohlräume im Belag.

Der Fluch: Wie Hitze dem fertigen Belag zusetzt

Sobald der Belag ausgehärtet ist, kehrt sich der Vorteil um. Asphalt reagiert empfindlich auf Temperaturschwankungen: Der Elastizitätsmodul – ein Mass dafür, wie steif sich das Material unter Belastung verhält – schwankt gemäss Fachliteratur der ETH Zürich zwischen etwa 1000 N/mm² im Sommer und 9000 N/mm² im Winter. Im Klartext: Im Sommer ist der Belag deutlich weicher als im Winter. Unter dem Gewicht schwerer Fahrzeuge, etwa an Kreuzungen, Bushaltestellen oder Steigungen, kann das zu Spurrinnenbildung führen.

Die Baustoffindustrie begegnet diesem Problem unter anderem mit polymermodifiziertem Bitumen, das auch bei grosser Hitze formstabiler bleibt. Ein weiterer Effekt betrifft nicht den Belag selbst, sondern sein Umfeld: Dunkle Asphaltflächen speichern Sonnenenergie und geben sie als Wärme wieder ab, was in Städten zum sogenannten Hitzeinseleffekt beiträgt. In einem Pilotprojekt in Bern und Sitten wurden deshalb 18 verschiedene, hellere Strassenbeläge getestet, die weniger Sonnenenergie aufnehmen und so zu einer spürbaren Abkühlung im Strassenraum beitragen sollen.

Arbeitsbedingungen: Hitzeschutz für die Crew auf der Baustelle

Für die Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter selbst bedeutet ein heisser Asphaltbelag eine doppelte Belastung: die Aussentemperatur und die zusätzliche Abwärme des frisch verlegten Materials. Die Suva empfiehlt deshalb gestaffelte Hitzestufen mit Schutzmassnahmen, die mit steigender Temperatur greifen: zusätzliche Pausen von 5 bis 10 Minuten alle ein bis zwei Stunden, ab 33 Grad sogar stündliche Pausen von 15 Minuten an einem schattigen Ort. Diese Pausen zählen rechtlich zur Arbeitszeit.


Hitzeschutz mit Augenzwinkern: Sonnencreme ist auf der Baustelle Pflicht, nicht Kür.

Dazu kommen mindestens ein halber Liter Flüssigkeit pro Stunde, Sonnenschutz sowie eine Kopfbedeckung mit Nacken- und Stirnschutz. Wichtig zu wissen: Aktuell verhandeln Baumeisterverband, Gewerkschaften, Bauherrenvertretungen und die Suva an einem runden Tisch über eine einheitliche Regelung, wonach schwere Arbeiten im Freien ab 33 Grad grundsätzlich unterbrochen werden sollen. Eine entsprechende Motion wurde im Nationalrat bereits deutlich angenommen, ist aber noch im Ständerat hängig – verbindlich in der eidgenössischen Bauarbeitenverordnung verankert ist die Regelung nach heutigem Stand noch nicht.

Video-Tipp: Vom Steinbruch auf die Strasse

Wie Asphalt überhaupt entsteht – vom Gestein im Steinbruch bis zur fertigen Fahrbahn – zeigt diese Reportage des NDR und liefert einen anschaulichen Einblick in den gesamten Produktionsprozess.



Fazit

Hohe Temperaturen sind für den Strassenbau kein eindeutiges Gut oder Übel, sondern beides gleichzeitig. Beim Einbau erleichtern sie die Verdichtung und sorgen für einen haltbareren Belag. Ist der Belag einmal ausgehärtet, machen dieselben Temperaturen ihn weicher und anfälliger für Spurrinnen, während sie gleichzeitig die Menschen auf der Baustelle stärker fordern als an einem kühlen Tag. Mit angepassten Materialien, klugen Arbeitszeiten und konsequentem Hitzeschutz lässt sich diese Doppelrolle der Sommerhitze im Strassenbau heute gut managen – ganz ohne sie wird es aber nie gehen, solange Strassen aus Asphalt gebaut werden.

 

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