SRF Rundschau: ADHS bei Erwachsenen
In der Rundschau vom 5. November 2025 spricht Stefan Kalberer über sein Leben mit ADHS und Angststörung.
Stefan Kalberer ist 45 Jahre alt und hat ADHS mit einer Angst- und Panikstörung. Nach der Diagnose vergingen Jahre, bis er die richtige Behandlung erhielt. Moderiert wird die Sendung von Gion-Duri Vincenz.
ADHS bei Erwachsenen: Verkannt und falsch behandelt
ADHS gilt in vielen Köpfen noch als „Kinder-Krankheit“. Ein Irrtum, denn betroffen sind auch viele Erwachsene. Doch sie finden oft keine Hilfe, weil Fachleute und Know-how fehlen. Viele Erwachsene erhalten die ADHS-Diagnose erst dann, wenn sie wegen Erschöpfung, Depression oder Sucht zusammenbrechen. Zwei Betroffene erzählen.
Ausstrahlung: Mittwoch, 5. November 2025, 20.10 Uhr, SRF 1
Was ist ADHS?
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung – kurz ADHS – ist eine neurologisch bedingte Entwicklungsstörung, die vor allem durch drei Hauptsymptome gekennzeichnet ist: Unaufmerksamkeit, Impulsivität und – je nach Typ – Hyperaktivität. Sie beginnt in der Kindheit und begleitet viele Betroffene bis ins Erwachsenenalter.
ADHS ist keine «Modediagnose» und auch keine Erfindung der modernen Gesellschaft. Schon seit dem frühen 20. Jahrhundert beschreiben Fachleute auffällige Verhaltensweisen, die heute unter dem Begriff ADHS zusammengefasst werden. Die Ursachen sind vielfältig: Neben genetischen Faktoren spielen auch neurobiologische Unterschiede im Gehirn eine Rolle – etwa in der Reizverarbeitung und der Signalübertragung durch Botenstoffe wie Dopamin und Noradrenalin. Umweltfaktoren wie belastende frühe Erfahrungen oder psychosozialer Stress können die Symptomatik verstärken, sind aber nicht ursächlich.
ADHS tritt in verschiedenen Ausprägungen auf:
- Vorwiegend unaufmerksamer Typ: Betroffene wirken verträumt, verlieren den Faden, vergessen Termine oder lassen Aufgaben liegen.
- Vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ: Diese Menschen sind oft sehr aktiv, handeln spontan, unterbrechen andere oder haben Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen.
- Kombinierter Typ: Hier sind sowohl Unaufmerksamkeit als auch Hyperaktivität und Impulsivität ausgeprägt.
Die Diagnose erfolgt idealerweise durch Fachpersonen mit Erfahrung in der ADHS-Diagnostik. Dabei kommen strukturierte Interviews, Fragebögen und häufig auch Berichte von Angehörigen oder früheren Bezugspersonen zum Einsatz. Wichtig ist, dass die Symptome in mehreren Lebensbereichen auftreten (z. B. Schule, Arbeit, Familie) und über eine längere Zeit bestehen.
ADHS ist gut behandelbar – durch eine Kombination aus Aufklärung, Verhaltenstherapie, Coaching, Medikamenten (z. B. Stimulanzien wie Methylphenidat) und gezieltem Alltagsmanagement. Entscheidend ist ein individualisierter Ansatz, der die Lebensrealität der betroffenen Person berücksichtigt.
ADHS bei Erwachsenen
ADHS bei Erwachsenen ist oft schwer zu erkennen – nicht, weil es seltener wäre, sondern weil es sich anders zeigt als im Kindesalter. Die klassischen Anzeichen wie Zappeln, impulsives Verhalten oder ausgeprägte Hyperaktivität können im Erwachsenenalter abnehmen oder sich verändern. Viele Betroffene leiden stattdessen unter innerer Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Desorganisation, emotionaler Reizbarkeit oder chronischem Aufschieben.
Dennoch bleibt ADHS eine ernstzunehmende Störung mit grossem Einfluss auf das Leben. Studien zeigen, dass etwa 60 bis 70 Prozent der Kinder mit ADHS auch im Erwachsenenalter Symptome behalten. In der Schweiz wird die Prävalenz von ADHS bei Erwachsenen auf etwa 2 bis 3 Prozent geschätzt.
Besonders problematisch: Viele Betroffene erhalten erst sehr spät im Leben eine Diagnose – oft nach langen Jahren mit Fehldiagnosen wie Depression, Angststörung, Burnout oder Suchterkrankungen. Denn unbehandeltes ADHS kann zu erheblichen Belastungen führen: im Beruf (häufige Stellenwechsel, Schwierigkeiten mit Zeitmanagement), in Beziehungen (Konflikte durch Impulsivität) oder im Selbstwertgefühl (durch anhaltende Misserfolge).
Ein typisches Beispiel: Eine Person mit unerkanntem ADHS hat Mühe, Ordnung zu halten, Termine einzuhalten oder sich über längere Zeit zu konzentrieren. Stattdessen wird sie als faul, zerstreut oder chaotisch abgestempelt – und beginnt, an sich selbst zu zweifeln. Erst wenn die Lebensumstände eskalieren, wird die zugrunde liegende Störung erkannt – wie auch bei vielen Gästen in der SRF-Rundschau-Sendung zum Thema.
Die Diagnostik bei Erwachsenen ist komplex, weil viele Betroffene kompensieren gelernt haben oder weil Symptome mit anderen psychischen Erkrankungen überlappen. Eine sorgfältige Abklärung durch spezialisierte Fachpersonen (Psychiatrie, Psychologie) ist deshalb unerlässlich.
Auch bei Erwachsenen ist ADHS behandelbar. Die wirksamste Therapie besteht meist aus einer Kombination von:
- Psychoedukation: Verstehen der eigenen Symptomatik
- Medikamentöser Therapie: z. B. mit Stimulanzien oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern
- Psychotherapie: insbesondere kognitive Verhaltenstherapie
- Alltagsstrukturierung und Coaching: für Zeitmanagement, Organisation und Prioritätensetzung
Ein wichtiger Faktor ist auch der Austausch mit anderen Betroffenen – etwa über Selbsthilfegruppen oder Online-Communities. Viele erleben die Diagnose nicht als Stigma, sondern als Entlastung und Neubeginn: Endlich gibt es eine Erklärung für langjährige Schwierigkeiten – und damit auch konkrete Handlungsmöglichkeiten.
Quelle: SRF/xund24-Redaktion
Bildquelle: SRF/Gian Vaitl
